Das Auto im Lauf der Kulturgeschichte
Es kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass die Erfindung des Automobils die Welt verändert hat. Anfangs waren Autos nur den Reichen und Mächtigen vorbehalten, die mit ihren stinkenden, lauten Kisten an den Pferdefuhrwerken der normalen Bevölkerung vorbeizogen und staunende, nicht selten aber auch erschrockene Gesichter zurückließen, die mit offenen Mündern hinter dem herblickten, was durchaus als Kulturrevolution bezeichnet werden darf. Innerhalb von 125 Jahren hat das Auto den Menschen, sein Verhalten und seine Kultur so sehr verändert, wie wohl kaum ein anderer Gegenstand. Was steckt also hinter den modernen Fahrzeugen, die wir heute in jeder Autobörse kaufen können? Und vor allem, wie hat sich die Entwicklung des Autos auf die Entwicklung der Menschen ausgewirkt, die Zugang zu diesem Fortbewegungsmittel hatten und haben?
Der Einfluss des Autos auf den Menschen und seine Kultur
Die ständige Weiterentwicklung des Autos sorgte rasch dafür, dass sich immer mehr Menschen einen fahrbaren Untersatz leisten konnten. Vor allem Henry Ford (siehe auch Wikipedia) sorgte in diesem Zusammenhang mit der Perfektionierung der Fließbandtechnik für einen Quantensprung. Infolgedessen wurde die Produktion von kostengünstigeren Autos erst ermöglicht. Diese neue Art, Waren zu produzieren, hatte einen sehr starken Einfluss auf die moderne Kultur des Menschen. Der marxistische Intellektuelle Antonio Gramsci prägte sogar den Begriff des Fordismus, mit dem diese Form der industriellen Warenproduktion bezeichnet wurde. Der Einfluss des Fordismus auf die Menschen war enorm, da sich die Arbeitsbedingungen grundlegend änderten. Eine strenge Arbeitsdisziplin wurde angestrebt und auch ständig überwacht. Im Gegenzug wurden hohe Löhne bezahlt, auch um die allgemeine Nachfrage nach Wirtschaftsgütern anzukurbeln. Ein Kreislauf wurde in Gang gesetzt, der zum Teil auch heute noch anhält.
Autodesign: Kunstwerke auf Rädern
Kaum ein anderer Gebrauchsgegenstand sagt so viel über die Kultur seiner Zeit aus, wie das Auto. Zu Beginn der Autoproduktion gab es keine Autodesigner. Die Fahrzeuge entstanden einfach aus technischen und wirtschaftlichen Zwängen heraus. Die Form hatte sich dem anzupassen, war also in erster Linie zweckmäßig. Das änderte sich erst mit der Erfindung der selbsttragenden Karosserie. Von nun an traten die Designer verstärkt auf den Plan. Richtig austoben konnten sie sich allerdings immer noch nicht, denn die sicherheitsrelevanten Anforderungen an die Autos setzten ihnen durchaus Grenzen. Gerade in der heutigen Zeit sind diese Einschränkungen schön zu sehen. Vor allem bei kleinen und sportlichen Autos wirken die Frontpartien immer sehr wuchtig, weil sie nach oben gezogen sind. Schuld daran sind nicht etwa die Designer, sondern die Politik, die verstärkt Wert auf Fußgängerschutz legt, weshalb eine gewisse Höhe der Frontpartie vorgeschrieben ist. Als goldene Zeiten für Autodesigner dürfen die ausgehenden 1960er und die 1970er-Jahre bezeichnet werden. Vor allem italienischer Hersteller entwarfen damals wahre Kunstwerke auf Rädern, die auch heute noch viele Menschen faszinieren. Auch deutsche Hersteller ließen sich davon inspirieren und entwarfen Autos, die stark an das italienische Design angelehnt waren, wie etwa das Audi 100 Coupé S, das deutlich an den Fiat Dino erinnerte.
Die weite Welt – plötzlich so nah
Die massenhafte Verbreitung des Autos sorgte dafür, dass sich der kulturelle Horizont vieler Menschen erweiterte. Kamen die Bewohner in früheren Zeiten kaum mehr als einige Kilometer über ihre Stadt- oder Gemeindegrenzen hinaus, war es jetzt kein Problem mehr, Hunderte und Tausende Kilometer weit zu reisen. Dadurch wurde Fremdes, wurden fremden Kulturen, im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar. Der Horizont des Menschen öffnete sich und bestimmte damit auch sein Verständnis von der Welt. Wer in den Nachkriegsjahren nach Italien reiste, um dort Urlaub zu machen, machte eben nicht einfach nur Urlaub, wie wir es heute kennen. Die Familien, die ihre Autos mit Gepäck vollstopften und irgendwo auch noch sich selbst unterbrachten, fuhren in eine andere Welt und statteten einer anderen Kultur einen Besuch ab. Die Esskultur war oftmals eine andere, als von zuhause gewohnt. Die Menschen im fremden Land verhielten sich anders, sie hatten eine andere Kultur des Zusammenlebens entwickelt. Der Lebensstil unterschied sich teilweise deutlich von dem gewohnten. Gleichzeitig war der Urlauber selbst aber auch Botschafter seiner eigenen Kultur, brachte ein Stück seiner Heimatkultur in das fremde Land und drückte diesem somit ganz leicht seinen Stempel auf. Die Erfindung des Automobils und damit auch die Entwicklung der Massenmobilität hat die Welt und ihre Kultur nachhaltig verändert. Keiner vermag zu sagen, wie die Welt heute aussehen würde, hätte Carl Benz am 29. Januar 1886 seinen Motorwagen nicht zum Patent angemeldet.
Mobilität um jeden Preis?
Heute muss sich die Menschheit fragen, ob Mobilität – besser Transport – um jeden Preis, wirklich so erstrebenswert ist, wie man es sich lange Zeit vorgestellt hat. Besonders ein Blick auf die USA lässt viele Menschen fragen, ob man die Fixierung auf das Auto nicht übertreiben kann, die dafür sorgt, dass der Nahverkehr in vielen Gegenden der Vereinigten Staaten eine mehr als untergeordnete Rolle spielt und viele sogar zum nächsten Briefkasten fahren, obwohl dieser gleich um die Ecke liegt, wie es auf www.focus.de beschrieben ist. Mobilität ist ohne Frage wichtig, auch in kultureller Hinsicht, aber nicht um jeden Preis.